Ruddi Sodemann
engagiert sich seit 2010 aktiv für die Arbeit des LVdM NRW. Nach seiner Tätigkeit als Regionalsprecher war er von 2015-2018 Vorsitzender des Verbands und ist seitdem stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Er hat sich während seiner Amtszeit maßgeblich für die interkulturelle Öffnung an den öffentlichen Musikschulen in NRW und im Verband eingesetzt.
Nora Pempel: Wie bist du dazu gekommen die interkulturelle Arbeit an den Musikschulen zu beginnen?
Ruddi Sodemann: Im Jahr 2007 habe ich die Musikschulleitung in Hürth übernommen. Zwei Wochen später kam der Integrationsratsvorsitzende der Stadt Hürth, ein Türke, in mein Büro und fragte mich, warum es in der Musikschule keinen Bağlamaunterricht gebe. Er habe 30 bis 40 Jugendliche, die Bağlama erlernen wollen. Kurzerhand habe ich mich entschlossen, das gemeinsam mit ihm anzugehen und habe dann Kontakt zu einem deutsch-türkischen Kulturverein in Köln aufgenommen, in dem Bağlama unterrichtet wurde. Über den Leiter des Vereins, ein leidenschaftlicher Sammler von Volksliedliteratur für die Bağlama, fand ich einen Lehrer, der den Unterricht an unserer Musikschule in Hürth übernommen hat.
NP: Wie sah der Unterricht aus?
RS: Mir war zunächst nicht klar, dass die Teilnehmenden eine ganz andere Lernweise gewohnt waren. Der Unterricht läuft vor allem in einer Gruppe ab mit dem System: vormachen, nachmachen, zuhören. Ganz anders als der Unterricht in Hürth sonst ablief. Außerdem teilten mir die Gruppen mit, dass sie keinen bozlak*, eine spezielle Form des türkischen Volksliedes, spielen wollten. Ich wusste nicht, was das war. Aufgrund ihres alevitischen Hintergrunds brauchten sie stattdessen das Bağlamaspiel für ihren religiösen Ritus. Es gab darüber hinaus auch Diskussionen über die Langhals- und die Kurzhalslaute. Sie als Aleviten wollten lieber Kurzhalslaute spielen, was in der türkischen Volksmusik aber eher ungewöhnlich ist. Plötzlich saßen bei einem Elternabend 50 bis 60 Eltern vor mir und erklärten mir, wie der Unterricht ablaufen solle. So etwas ist mir vorher noch nie passiert. Im Laufe der Zeit wurde mir klar, dass wir mehr kulturelles Hintergrundwissen brauchen. So habe ich dann angefangen auch den Landesverband für das Thema zu sensibilisieren.
NP: Wie habt ihr euch im Verband dann dieser Thematik genähert?
RS: Nachdem wir zunächst versucht hatten, uns mit einem wissenschaftlichen Konzept den Themen Transkulturalität und unterschiedlichen Musikkulturen zu nähern, wurde mir bald klar, dass man an den Musikschulen mehr Praxiswissen braucht. So kam es im Jahr 2013 zum Start des Projektes MüzikNRW. In diesem Projekt beschäftigte sich der Verband exemplarisch mit der türkisch-anatolischen Musik. Wir veranstalteten zahlreiche Präsentationen, Seminare und Workshops in Begleitung von Musiker:innen, die mit der anatolischen Musik vertraut sind. Dadurch haben wir die interkulturelle Öffnung in den Musikschulen in NRW vorangetrieben. Uns wurde bewusst, dass sowohl die Entstehung von Netzwerken, ein fundierter Wissensaustausch als auch die interkulturelle Elternarbeit zentrale Aufgaben sind. Es entstanden zahlreiche Ensembles, die durch anatolisch-westliche Arrangements neue musikalische Wege fanden. Im Anschluss organisierte der LVdM NRW MüzikNRW 2. Dieses Projekt bot Schüler:innen mit interkulturellen Ensembles an den Musikschulen die Möglichkeit, sich ganz praktisch mit Musik verschiedener Kulturen zu befassen.
NP: Wie ist dann aus diesem Vorgängerprojekt Heimat: Musik geworden?
RS: Als 2015 und 2016 viele Menschen nach Deutschland kamen, wollten die Musikschulen, die auch schon bei MüzikNRW beteiligt waren, Projekte für Geflüchtete anbieten. An den Musikschulen war von Anfang an eine große Offenheit und Sensibilität für das Thema zu spüren. Durch MüzikNRW hatten die Mitarbeitenden der Musikschulen bereits vielfältige Expertise und Erfahrung mit interkultureller Arbeit gesammelt. Somit bestand eine große Bereitschaft dieses Wissen weiterzugeben. Wir haben dann einen Antrag beim Land NRW gestellt und die Initiative gestartet – seitdem werden wir vom Kulturministerium vertrauensvoll und in erheblichem Umfang unterstützt. Den Schwerpunkt legten wir im Rahmen des Projektes sowohl auf das gemeinsame Musizieren als auch auf den Spracherwerb über das Singen. Die Voraussetzung für die Arbeit war der Aufbau eines Settings, in dem sich die traumatisierten Beteiligten sicher und emotional unterstützt fühlten. Es war von allen Seiten eine große Dankbarkeit zu spüren.
NP: Das heißt, das Projekt war von Anfang an darauf angelegt, dass nicht nur Geflüchtete zusammen Musik machen, sondern dass auch alle weiteren Beteiligten neue kulturelle Erfahrungen machen können?
RS: Sofort. Es gibt ja so viele Phasen der Integration. Wir haben tatsächlich am Anfang auch Fehler gemacht, haben Stereotypen und Klischees angewendet, aber durch die Praxis konnten wir enorm dazu lernen, so dass ich hoffe, dass uns diese Fehler verziehen worden sind.
NP: Wie wurden die Aktivitäten in den Musikschulen mit Geflüchteten in der Öffentlichkeit aufgenommen?
RS: Wir konnten das Projekt der Öffentlichkeit gut präsentieren. Wir sind zum Beispiel mit einem Chor beim Integrationskongress in Solingen aufgetreten. Die Teilnehmenden waren sprachlich bereits in der Lage, sich dort auf der Bühne selbst vorzustellen, woraufhin sich die Fachleute gefragt haben, wie das nach drei Monaten möglich sei: natürlich auch durch die Arbeit mit den Geflüchteten im Gesangsunterricht.
NP: Welche Veränderungen beobachtest du an den Musikschulen bzw. welche Auswirkungen von Heimat: Musik siehst du?
RS: Mit Heimat: Musik konnten wir neben der Bağlama weitere Instrumente anbieten. Sowohl die Menschen aus verschiedenen Herkunftsländern als auch das instrumentale Spektrum sind im Laufe der Zeit sichtbarer geworden, fast schon Normalität. Es gibt mittlerweile in den Musikschulen auch Lehrer:innen, die die westliche und östliche Musiktheorie kennen. Das ist eine besondere Qualifikation. Plötzlich kamen Musikpädagog:innen in die Musikschulen, die mehr konnten, als man hier an einer Musikhochschule lernt. Das ist eine Lücke in der hiesigen Ausbildung, die wir in der Zukunft unbedingt füllen müssen. Darüber hinaus ist die Musik, die zu uns kommt, eine Musik, die überwiegend aus einer oralen Tradition kommt – also vormachen, nachmachen. Und das ist für die Musikschularbeit ungewohnt. Bei uns ist die Fähigkeit des Improvisierens nahezu verloren gegangen. Das können wir voneinander und durch Heimat: Musik wieder erlernen.
NP: Würdest du sagen, dass diese Arbeit auch den Verband verändert hat? Wenn ja, inwiefern?
RS: Wir setzen uns intensiv mit den Themen Diversität und Interkultur auseinander. Das zeigt sich auch an der festen Verortung dieses Themas im Rahmen der Musikschuloffensive. Unsere Arbeit hat auch Auswirkungen auf die Musikhochschulen. Die Musikhochschule Köln arbeitet zum Beispiel daran, dass die Bağlama als Zweitinstrument für Gitarristen gelehrt werden kann. Das ist ein Erfolg der Arbeit der Musikschulen und auch des Verbandes, der den Musikschulen vermittelt, dass wir diese kultursensiblen Lehrkräfte brauchen.
NP: Wie siehst du die zukünftige Arbeit mit Geflüchteten und welche Vorhaben findest du wichtig?
RS: Es wird weiterhin Migration geben in Deutschland und Deutschland ist auch weiterhin ein Einwanderungsland. Es ist wichtig, dass die aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen über Rassismus auch in den Musikschulen weitergeführt werden. An welcher Stelle lassen wir uns durch unsere alten Erfahrungen in unserem Denken unbewusst täuschen? Darüber hinaus sollten wir einen Diskurs über den Kolonialismus in der Musik führen. Die Musikgeschichte und -industrie ist bis heute von westlich polyphoner Musik geprägt. Wir sollten uns auch mit verschiedenen kulturellen Einflüssen befassen und darüber im Gespräch bleiben. Und das Ganze ist für mich verbunden mit dem Begriff der Partizipation. Vertreter:innen verschiedenster Kulturen müssen auf allen Ebenen in den Musikschulen vertreten sein. Dahingehend sind wir im Vergleich zu anderen Unternehmen auch schon weiter voraus: weil wir mit der Musik so ein so schönes Werkzeug haben, mit welchem man Emotionales gut verbinden kann.
*Die türkische Volksmusik basiert auf abgewandelten Melodiemodellen in metrisch gebundenen oder freien Formen. Die metrisch freie Form, im Süden der Türkei bozlak genannt, zeichnet sich durch freie Rhythmisierung und zahlreichen Verzierungen aus.